11.09.2014 / Gedanken zum Tage / Andacht im Deutschen Bundestag

Heute ist der 11. September!

Vor 13 Jahren wurden 4 Verkehrsflugzeuge entführt.

Die Entführer lenkten zwei davon in die Türme des World Trade Centers (WTC) in New York City und eines in das Pentagon in Arlington (Virginia).
Das vierte Flugzeug, das wahrscheinlich ein Regierungsgebäude in Washington, D.C. treffen sollte, wurde nach Kämpfen mit Passagieren bei Shanksville (Pennsylvania) zum Absturz gebracht.

Die Anschläge brachten etwa 3000 Menschen den Tod.
Was für ein schwieriges Datum für eine Andacht!

Gerade haben wir voller Hoffnung gesungen:
„GOTT ist gegenwärtig“
Wenn man an ein solches Ereignis gedenkt, fragt man sich doch:
Wie konnte so etwas paassieren? Wie konnte Gott das zulassen?
Konnte das in der Gegenwart GOTTes geschehen?

Dürfen wir so zweifeln und verzweifeln?
Wird uns in der Bibel nicht immer GOTTes Schutz zugesprochen?
Ist GOTT nicht die Hilfe in den großen Nöten?

Wo ist GOTTes Allmacht und Allgegenwart
in den individuellen und kollektiven Katastrophen
unserer menschlichen und irdischen Existenz?

Auch Jesus kennt diese Verzweiflung.
Er hat die Menschen aufgerichtet, geheilt und versöhnt.
Was war der Dank?
Er wurde von seinen Feinden verspottet, verlacht und grausam gefoltert.
Von seinen Jüngern verraten, verlassen und verleugnet.
Von den Römern wurde er ans Kreuz geschlagen.
Am Kreuz verzweifelt selbst er und
schrie die ersten Worte aus dem 22. Psalm:
„Mein GOTT, mein GOTT, warum hast Du mich verlassen?“

Es ist ein Psalm eines im Elend Verzweifelten,
er klagt GOTT an:
Du „bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage.
3 Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort; /
ich rufe bei Nacht und finde doch keine Ruhe.“

In drastischen Worten beschreibt der Psalmist sein Elend,
als nähme er nicht nur die Kreuzigung,
sondern auch die schrecklichen Ereignisse des 11.September vorweg:

„15 Ich bin hingeschüttet wie Wasser, /
gelöst haben sich all meine Glieder. / Mein Herz ist in meinem Leib wie Wachs zerflossen.
16 Meine Kehle ist trocken wie eine Scherbe, /
die Zunge klebt mir am Gaumen, / du legst mich in den Staub des Todes.“

Aber bei diesem Klagelied bleibt der Psalmist nicht stehen.
Auch mitten in der Verzweiflung erinnert sich der Psalmist an die Heilsgeschichte Israels:
„5 Dir haben unsre Väter vertraut, /
sie haben vertraut und du hast sie gerettet.
6 Zu dir riefen sie und wurden befreit, /
dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.“

Nach einer langen Klage und seiner ganzen Verzweiflung
wendet er sich doch betend und
schließlich sogar lobpreisend Gott wieder zu,
mit der Gewissheit, dass das Elend, das er gerade erfährt,
nicht GOTTes Wahrheit über die menschliche Existenz ist:
„30 Ihn allein werden anbeten alle,
die in der Erde schlafen.;
vor ihm werden die Knie beugen alle,
die zum Staube hinabfuhren
und ihr Leben nicht konnten erhalten.“
So kann die Hinwendung zu GOTT helfen,
dass Verzweiflung, Trauer, Schmerz und Hass uns nicht überwältigen.

Auch von Jesus letzten Worten ist uns nicht nur der Verzweiflungsruf des Psalmisten überliefert.
Das Evangelium nach Lukas berichtet von Jesus,
dass er schließlich um Vergebung für seine Feinde betet
und sich Gott wieder ganz anvertraut:
„Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“
Nach diesen Worten hauchte er den Geist aus.

Damit kommt er auch in seinen letzten Stunden zurück zu seiner zentralen Botschaft,
in der er die jüdische wie die christliche Religion zusammenfasst,
in dem doppelten bzw. dreifachen Liebesgebot:
„Du sollst lieben Gott, deinen HERRN,
von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte.“
Dies ist das vornehmste und größte Gebot.
Das andere aber ist ihm gleich:
„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
In diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“

Der Hass und die Verzweiflung haben ihn nicht überwältigt.
Im Gegenteil.
Der Tod war nicht das letzte Wort.

Diese Hoffnung möge auch uns die Kraft geben,
in diesen Tagen,
wenn wir in die Ukraine, den Irak oder nach Syrien blicken,
immer wieder nach Wegen zu suchen,
Frieden zu stiften statt uns von Verzweiflung,
Hass oder gerechtem Zorn überwältigen zu lassen.

Nicht der Ungerechtigkeit nachzugeben,
nicht wegzuschauen,
sondern beherzt und fest standzuhalten,
aber aus der Kraft der Hoffnung nicht auf Rache zu sinnen,
sondern nach Lösungen, nach Hilfe für die Menschen in Not und
der Schaffung von Sicherheit zu suchen.
Gott zu lieben von ganzem Herzen und den Nächsten wie sich selbst
ist politisches Programm,
sondern ein Programm zur Überprüfung unserer Motive und Beweggründe in der Politik.

Volker Beck
Berlin, den 11.9.2014


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